Global denken – lokal zensieren

19.03.2011 Netz und Web Kommentieren

Versetzen wir uns mal für eine Minute in eine Welt, in der die Bekämpfung von Darstellungen von Kindesmissbrauch nicht nur Vorwand sondern tatsächlicher Grund für die Forderung nach der Etablierung einer Zensurinfrastruktur ist. So schwierig ist das gar nicht, denn vordergründig wird die Debatte um Internet-Sperren mit dieser Vorstellung geführt und ist damit Teil unserer Realität. In dieser Welt wird sich darum gestritten welche der beiden Maßnahmen (Löschen oder Sperren) effizienter ist. Die Effizienz wird zur Zeit wesentlich daran festgemacht, wie viel Prozent der entdeckten und gemeldeten Webseiten nach einer, zwei, drei oder mehr Wochen noch abrufbar sind. Während Gegner von Internet-Sperren gute Erfolge, sprich eine hohe Effizienz, aus den Statistiken herauslesen, interpretieren die Befürworter die vorliegenden und zum Teil selbst ermittelten Zahlen als Beweis für die Ineffizienz des Löschens. In der Gegenrechnung wären also durch Sperren innerhalb von 24 Stunden nahezu 100 Prozent der Webseiten in Deutschland nicht mehr abrufbar. Im Hinblick auf die Effizienz steht der Sieger beider Maßnahmen also fest.

Allerdings mutet diese Definition von Effizienz in unserer ach so globalisierten Welt geradezu klein-geistig und anachronistisch an. Während global, international, multilateral etc. zum Grundvokabular politischer Reden geworden ist, Bildungs- Umwelt- und ganz vorne Wirtschaftspolitik heute kaum noch ausschließlich nach nationalen Gesichtspunkten gestaltet wird, stellt sich eine Frage: Wie kommt es bei einem so wichtigen Thema wie dem Schutz von Kindern dazu, dass man zwar die Welt im Blick hat, sich aber mit seinem Handeln auf den Wirkungsbereich des eigenen Grundgesetzes zurück ziehen will?

Ändert man den Effizienzbegriff hin zu einer globalen Betrachtungsweise, dann stellen sich Internet-Sperren als drastische Verlierer heraus. Kommen die zuständigen Behörden zweier Länder (ein meldendes Land und das Land in dem gehostet wird) zu dem Schluss, dass eine Webseite Darstellungen von Kindesmissbrauch bereitstellt und somit gelöscht werden muss, dann stehen diese Inhalte an dieser Stelle dem pädophilen Anteil von rund einer Milliarde Internetnutzer nicht mehr zur Verfügung. Wird die gleiche Webseite hingegen nur in Deutschland gesperrt, dann betrifft dies den pädophilen Anteil von maximal 60 Millionen Internetnutzern, der Rest der pädophilen Welt kann weiterhin auf die Inhalte zugreifen. Welcher Vorgang nun schneller durchzuführen ist, spielt dabei keine Rolle mehr. Selbst wenn man die Geschwindigkeit mit berücksichtigt, können Internet-Sperren nicht mehr als Sieger aus dieser Effizienzbetrachtung hervorgehen, weil sie im Hinblick auf die Reichweite gnadenlos verlieren. „Sperren bis Löschen“ wäre in diesem Zusammenhang übrigens nur eine Möglichkeit eine schwache Leistung der jeweiligen Behörden zu vertuschen. Nimmt man nun noch hinzu, dass die fallbezogene und allgemeine bilaterale Zusammenarbeit bei der Löschung von Missbrauchsdarstellungen einen positiven moralischen Einfluss – auf das was man im jeweiligen Kulturkreis überhaupt als Kindesmissbrauch betrachtet – haben kann, dann packt man das Problem gleichzeitig noch etwas weiter in Wurzelnähe an, statt diese kulturellen Unterschiede einfach nur als gegeben hinzunehmen. Multilaterale Verhandlungen insbesondere bei unterschiedlichen Rechtsauffassungen (Wobei ich mich frage, ob nicht bereits ein relativ weitreichender Konsens bezüglich der der Ächtung von Missbrauchsdarstellungen angenommen werden kann.) sind sicherlich alles andere als leicht, aber das sollte kein Grund sein, sich gerade in dieser Sache auf eine nationale Sicht zu beschränken. Zumal bei der Bekämpfung des tatsächlichen Missbrauchs entsprechend gute Kontakte ins Ausland von Vorteil sind, weil eine Scheuklappenpolitik hier einfach nicht weiterhilft.

Die Minute ist um. Zurück in die Realität, zurück in eine Welt in die Missbrauchsdarstellungen weiterhin nur als Vorwand missbraucht werden und der Streit um die Effizienz nichts anderes als eine Scheindebatte ist, welche die wahren Beweggründe hinter einer Fassade dramatischer Rhetorik verstecken soll.

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