CHIP: Alte Zeitschrift? Alter Zopf! [Update]

15.10.2009 Allgemein Kommentieren

Das Erfolgsrezept Deutschlands ältester Computerzeitschrift besteht laut Wikipedia darin „sich immer wieder rigoros […] den wechselnden Bedingungen des Computermarktes anzupassen“. Konkret bedeutet dies, dass man sich inhaltlich schlicht und einfach dem auflagenstärksten Blatt im Computerbereich annähert.

Als langjähriger CHIP-Abonnent hatte ich diesen Umstand lange ignoriert, auch wenn das Inhaltsverzeichnis jeder neuen Ausgabe das Kündigungsvorhaben auf meiner mentalen ToDo-Liste wieder ganz nach oben setze. Sicherlich war mir aufgefallen, dass die Bestenlisten der getesteten Hard- und Software-Produkte zusammen mit ganzseitigen Anzeigen einen großen Teil der Seiten eines Heftes belegten und die Zahl der echten Artikel immer weiter sank. Aber für Kaufentscheidungen, erschienen mir diese Übersichten anfänglich doch recht hilfreich. Wie viel diese Listen wert sind, zeigte sich mir allerdings Anfang 2002, als ich in der Liste über die besten Suchmaschinen „infoseek.de“ recht weit oben fand. Zu diesem Zeitpunkt war die Suchmaschine von T-Online, Disney, Springer und Holtzbrink allerdings schon etliche Wochen nicht mehr online. Erst nach einem (selbstverständlich nicht veröffentlichten) Leserbrief verschwand der Webkatalog aus der Liste.

In den letzten Monaten beschlich mich zudem bei der Lektüre jeder neuen Ausgabe immer wieder ein ungutes Gefühl. Die latente Angst, dass auf der nächsten Seite Aiman Abdallah lauern könnte und fortan nicht nur im TV den Namen eines großen Naturwissenschaftlers ins fade Licht des Infotainment rücken, sondern auch in der CHIP über die Mysterien der IT-Welt berichten würde, begleitete mich beim Überfliegen der mit, reißerischen Überschriften verzierten, Artikel über Superviren und Windowstuning.

Dies wäre vielleicht ewig so weiter gegangen, wenn nicht die CHIP-Ausgabe 11/2009 sämtliche Verdrängungsmechanismen, die sich mein Geist über die Jahre aufgebaut hatte, mit einem Schlag außer Kraft gesetzt hätte. Relativ entspannt wollte ich mir den Artikel „Windows, Mac OS und Linux im Härtetest“ (auch zu finden bei Focus Online) zu Gemüte führen. Mir war klar, dass die alternativen Betriebssysteme nicht als Testsieger hervorgehen und der Platzhirsch aus Redmond mit den üblichen Hinweisen auf die ein oder andere Macke, als Empfehlung für den Ottonormalnutzer abschneiden würde. Es kam allerdings alles viel schlimmer. Dass der Artikel schließlich gerade die Macken als Vorteil darstellen würde ist eine Sache (schließlich möchte man als professioneller Autor ja nicht die Anzeigenkunden seines Arbeitgebers vergraulen). Wenn man sich Mühe gegeben hätte, wäre auch die Tatsache, dass sich im Gegensatz zu Windows weder Linux noch Mac OS bisher ernsthaft gegen Viren behaupten mussten, durchaus als Argument für die Sicherheitsfeatures des neuen Windows 7 zu werten gewesen. Aber dass hier ein Artikel geschrieben und veröffentlicht wurde, der auf ganzer Linie offenbart, dass keinerlei Recherche stattgefunden hat, fachliches Wissen offensichtlich nicht eingebracht und der Versuch einer schlüssigen Argumentation unterlassen wurde, hat mich dann doch verblüfft und verärgert (Eine ausführliche Obduktion des Artikels hat Christian Langner in seinem offenen Brief an CHIP durchgeführt). Daher vermutete ich zuerst, dass sich ein Praktikant austoben durfte. Weit gefehlt, die Fachgebiete des Autors Fabian von Keudell, der bei CHIP Redakteur im Ressort Praxis ist, sind Betriebssysteme, Netzwerke, Handys und Sicherheit.

Nachdem ich mich im ersten Moment an dieser Stelle über die schlechte Recherche und fehlende Argumentation des Autors auslassen wollte, habe ich beschlossen stattdessen, das Wehmuts-Vakuum zu nutzen um endlich einen alten Zopf abzuschneiden:

Kündigung CHIP-Abonnement

Der oben erwähnte offene Brief und weitere Reaktionen zum Artikel haben mich dann doch noch veranlasst, etwas zu dem Thema zu schreiben. Allerdings habe ich fast den Eindruck, dass eben diese Reaktionen der Sinn und Zweck des CHIP-Artikels war. Hauptsache man wird erwähnt.

[Update]
Im Forum von UbuntuUsers.de ist ein von fast 180 Mitzeichnern unterstützter Leserbrief zu finden, der die wesentlichen Kritikpunkte an dem oben genannten Artikel sachlich und treffend zusammenfasst (via LinuxUndIch).

Dein Kommentar

Zum Seitenanfang